Wie lese ich ein EKG? — Der systematische Ansatz
Immer in dieser Reihenfolge: 1. Frequenz → 2. Rhythmus → 3. Achse → 4. P-Welle → 5. PQ-Zeit → 6. QRS → 7. ST-Strecke → 8. T-Welle → 9. QT-Zeit
Normwerte auf einen Blick: HF 60–100/min · PQ 120–200ms · QRS <120ms · QT <440ms (♂) / <460ms (♀) · ST isoelektrisch
Kalibrierung: Papiergeschwindigkeit 25mm/s → 1 großes Kästchen = 0,2 Sek · 1 kleines Kästchen = 0,04 Sek · Amplitude 1cm = 1mV
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💚 Sinusrhythmen
Normaler Ursprung im Sinusknoten — P vor jedem QRS
Normaler Sinusrhythmus
25mm/s1 Kästchen = 0,2sLead II
Frequenz
60–100/min
Rhythmus
Regelmäßig
P-Welle
Positiv in II, vor jedem QRS
PQ-Zeit
120–200ms (3–5 kleine Kästchen)
Schlüsselmerkmale
P vor jedem QRS
Regelmäßige RR-Abstände
QRS <120ms
Isoelektrische ST-Strecke
Positive T-Welle in II
💡 Merke: Ein normales EKG schließt keine Herzerkrankung aus. Auch ein STEMI kann im frühen Stadium normal wirken.
Sinusbradykardie
25mm/s1 Kästchen = 0,2sLead II
Frequenz
<60/min (hier ~42/min)
Rhythmus
Regelmäßig
Ursachen
Sportler, Vagotonus, Hypothyreose, Betablocker, ACS
Therapie
Symptomatisch: Atropin 0,5mg i.v. · Bei Versagen: Schrittmacher
Schlüsselmerkmale
Frequenz <60/min
Sonst normales Muster
Lange RR-Intervalle
P vor jedem QRS vorhanden
💡 Merke: Asymptomatische Bradykardie bei Sportlern bis 35/min: kein Handlungsbedarf. Symptomatisch (Synkope, Hypotonie, Dyspnoe): IMMER behandeln!
Sinustachykardie
25mm/s1 Kästchen = 0,2sLead II
Frequenz
>100/min (hier ~128/min)
Rhythmus
Regelmäßig
Ursachen
Schmerz, Fieber, Hypovolämie, Anämie, Hypoxie, Angst, Sepsis
Therapie
IMMER Ursache behandeln — nie die Tachykardie selbst!
Schlüsselmerkmale
Frequenz >100/min
P-Wellen können in T-Welle versteckt sein
Kurze TP-Strecke
Schmaler QRS
💡 Merke: Sinus-Tachy beim Traumapatienten = Schockzeichen bis zum Beweis des Gegenteils. Kein Adenosin, kein Verapamil — das tötet!
💛 Vorhofflimmern
Häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung
Vorhofflimmern (VHF)
25mm/sUnregelmäßige RR-AbständeLead II
Frequenz
Absolut unregelmäßig (60–160+/min)
P-Wellen
KEINE — Flimmerwellen (~350–600/min)
Ursachen
Hypertonie, KHK, Herzinsuffizienz, Hyperthyreose, Alkohol
Notfall-Therapie
Hämodynamisch instabil → Kardioversion! Stabil → Frequenzkontrolle
Schlüsselmerkmale
Keine P-Wellen
Absolut unregelmäßige RR-Abstände
Flimmerlinie statt isoelektrischer Linie
Schmaler QRS (wenn kein Schenkelblock)
💡 Merke: VHF + Schock = Kardioversion JETZT (200J biphasisch). VHF + stabil + >48h = NIE kardiovertieren ohne Antikoagulation (Emboliegefahr durch Vorhofthrombus)!
🟠 AV-Blöcke
Störung der Überleitung vom Vorhof zur Kammer
AV-Block I°
PQ verlängert >200ms = >5 kleine Kästchen
Definition
PQ-Zeit >200ms (1 großes Kästchen)
Überleitung
ALLE P-Wellen werden übergeleitet
Ursachen
Vagotonus, Betablocker, Digoxin, Myokarditis, ACS inferior
Therapie
Meist keine. Ursache behandeln. EKG-Monitoring
Schlüsselmerkmale
PQ >200ms
Jede P-Welle gefolgt von QRS
Konstante PQ-Verlängerung
QRS normal schmal
AV-Block III° (Totaler AV-Block)
P-Wellen und QRS vollständig unabhängig voneinander
Vorhof
P-Wellen normal (~80/min)
Kammer
Ersatzrhythmus ~30–45/min
AV-Überleitung
KEINE — vollständige Dissoziation
Notfall-Therapie
Atropin 0,5–1mg i.v. → transk. Schrittmacher → intern. SM
Schlüsselmerkmale
P-Wellen und QRS VOLLSTÄNDIG unabhängig
P-Rate > QRS-Rate
Breiter oder schmaler QRS (je nach Ersatzzentrum)
Kammer-Frequenz 25–45/min
💡 Merke: AV-Block III° + Hinterwandinfarkt (ST-Hebung II, III, aVF) = klassische Kombination. Die RCA versorgt häufig auch den AV-Knoten!
🔴 STEMI — ST-Hebungsinfarkt
Door-to-Balloon-Zeit <90 Min — jede Minute zählt!
STEMI (Vorderwandinfarkt)
ST-Hebung >1mm in ≥2 zusammenhängenden Ableitungen = STEMI
ST-Strecke
Gehoben ≥1mm (Extremitäten) / ≥2mm (Präkordial)
Lokalisation
V1–V4: Vorderwand (LAD) · II/III/aVF: Hinterwand (RCA) · I/aVL: Lateral (LCX)
Entwicklung
Hyperakut (T-Welle) → ST-Hebung → Q-Zacke → T-Inversion
Prä-Klinik
ASS 500mg · Heparin · Cath-Lab voranmelden · O2 nur wenn SpO2 <90%
Schlüsselmerkmale
ST-Hebung ≥1mm in ≥2 zusammenhäng. Ableitungen
Tombstone-T (überwältigende T-Welle früh)
Gegenseitige ST-Senkung (Reziprok)
Neu aufgetretener LBBB = STEMI-Äquivalent!
Q-Zacke = Nekrose (Spätstadium)
💡 STEMI-Äquivalente nicht verpassen: De Winter T-Wellen (V1–V6: ST-Senkung + hohe T) · Wellens-Syndrom (tiefe T-Inversionen V2–V3 nach Schmerz) · Hyperakuter T · Neuer LBBB
🔴 Reanimationsrhythmen
Erkennen rettet Leben — sofort handeln!
Ventrikuläre Tachykardie (VT)
Frequenz
150–250/min, meist regelmäßig
QRS
BREIT (>120ms), bizarr, kein P
Symptome
Pulslos? → VF-Protokoll · Puls? → Stabil vs. instabil
Therapie
Pulslos: Defi! · Instabil: Kardioversion · Stabil: Amiodaron 300mg
Schlüsselmerkmale
Breiter QRS >120ms
Hohe Frequenz, regelmäßig
Keine sichtbaren P-Wellen
AV-Dissoziation (manchmal)
Fusionsschläge (Beweis für VT)
💡 VT vs. SVT mit Aberranz: Wenn unsicher → VT annehmen und behandeln! Im Zweifel: Adenosin. Verapamil bei breitem QRS = potenziell tödlich!
Kammerflimmern (VF)
Bild
Chaotisch, kein erkennbares Muster
Amplitude
Grob (>0,5mV) vs. Fein (<0,5mV)
Sofortmaßnahme
CPR 30:2 + Defi 200J biphasisch SO SCHNELL WIE MÖGLICH
Medikamente
Adrenalin 1mg nach 3. Schock · Amiodaron 300mg nach 3. Schock
Schlüsselmerkmale
Völlig chaotisches Bild
KEIN erkennbarer QRS
Unregelmäßige Amplitude und Frequenz
Feines VF = schlechte Prognose
Asystolie
Bild
Isoelektrische Linie, keine elektr. Aktivität
Therapie
CPR + Adrenalin 1mg alle 3–5min. KEINE Defi!
Reversible Ursachen
4H: Hypoxie, Hypovolämie, Hypo-/Hyperkaliämie, Hypothermie
4T
Thrombose (KHK/PE), Tamponade, Tension-Pneumo, Toxine
Schlüsselmerkmale
Gerade Linie
In 2 Ableitungen prüfen (Artefakt?)
P-Wellen-Asystolie möglich (nur P, kein QRS)
💡 Artefakt vs. echte Asystolie: Immer 2 Ableitungen checken! Elektroden-Kontakt prüfen! Losgelöste Elektrode = falsche Asystolie.
🟠 Linksschenkelblock (LBBB)
Breiter QRS mit typischem Morphologiemuster
Linksschenkelblock (LBBB)
QRS-Breite
>120ms (≥3 kleine Kästchen)
Muster
WiLLiaM: V1 W-Form, V5/V6 M-Form
Klinische Bedeutung
Neu aufgetreten + Symptome = STEMI bis Beweis des Gegenteils!
Sgarbossa-Kriterien
ST-Hebung konkordant ≥1mm · ST-Senkung konkordant in V1–V3
Schlüsselmerkmale
QRS >120ms
WiLLiaM-Muster
Keine Septal-Q in I, V5, V6
Diskordante ST-Veränderungen normal!
💡 Eselsbrücke: WiLLiaM (LBBB: W in V1, M in V5) vs. MaRRoW (RBBB: M in V1, W in V5/V6)