Kommunikation, Recht & PsychKG
RTW 14A — Lernmodul
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Kommunikation, Patientenrechte & PsychKG

In diesem Modul lernst du drei zentrale Themen, die im Rettungsdienst-Alltag eng miteinander verbunden sind:

💬 Block 1: Umgang mit Patienten & Angehörigen in Ausnahmesituationen
⚖️ Block 2: Patientenrechte nach BGB
🧠 Block 3: PsychKG Hamburg im Rettungsdienst

Arbeite die Folien in deinem Tempo durch. Am Ende wartet ein Quiz mit 15+ Fragen. Sammle XP!

💬 Block 1: Kommunikation

Fallbeispiel: Frau B.

🏥 Ausgangslage

Frau B. war wegen einer Stoffwechselerkrankung eine Woche im Krankenhaus. Einen Tag vor der Entlassung telefoniert sie mit ihrem Mann — er kann sie nicht abholen, versichert aber, zuhause zu sein.

Als sie vor der Tür steht, macht niemand auf. Sie hat keinen Schlüssel. In ihrer Sorge ruft sie den Rettungsdienst an. Ein GW wird zur Türöffnung mitalarmiert.

🚨 Befund

Das GW-Team öffnet die Tür. Euer RTW-Team geht hinein. Im Wohnzimmer liegt der Ehemann auf der Couch — er ist tot.

Frau B. wartet draussen vor der Wohnungstür.

Was tust du jetzt?

💬 Block 1

🎯 Deine Entscheidung

Du musst Frau B. mitteilen, dass ihr Mann verstorben ist. Wie formulierst du es?

✅ Richtig! Klare Worte wie "verstorben" oder "tot" sind wichtig. Ausdrücke wie "eingeschlafen" suggerieren, dass die Person wieder aufwacht. +20 XP
❌ Nicht ideal. Vermeide Umschreibungen wie "eingeschlafen" oder "von uns gegangen" — sie erzeugen falsche Hoffnung. Sage klar: "verstorben" oder "tot".
💬 Block 1

Todesnachricht überbringen

Vorbereitung ist alles

  • Kurz vorbereiten: "Wir haben eine traurige Nachricht..."
  • Dann ohne Umschweife sagen, was los ist
  • Blickkontakt halten während des Gesprächs
💡 Formulierungshilfe

Angemessen: "Ihr Mann ist verstorben." / "Ihr Mann ist tot."

Nicht angemessen: "Er ist eingeschlafen" ❌ / "Er ist von uns gegangen" ❌

Warum? "Eingeschlafen" impliziert Aufwachen, "von uns gegangen" impliziert Wiederkommen.

Während des Gesprächs

  • Zuhören ist wichtiger als Reden
  • Wenn du sprichst: kurze, einfache Sätze
  • Körperkontakt kann angemessen sein (Hand auf Schulter) — das Mass ist entscheidend
  • Verabschiedung von der verstorbenen Person anbieten — das kann helfen
💬 Block 1

Reaktionen der Angehörigen

Die Reaktion auf eine Todesnachricht kann sehr unterschiedlich sein:

😢
Traür
Weinen, Zusammenbruch
😨
Schock
Erstarrung, Stille
😡
Wut
Aggression, Vorwürfe
😶
Verleugnung
"Das kann nicht sein!"
⚠️ Wichtig

Je unerwarteter der Tod, desto heftiger kann die Reaktion sein. Egal welche Reaktion — akzeptieren, nicht bewerten!

💡 Merksatz

"Mitfühlen, nicht mitleiden." — Aufrichtige Anteilnahme darfst du zeigen. Aber versuche, den Einsatz nicht zu sehr an dich heranzulassen.

💬 Block 1

❤️ Empathie — das oberste Gebot

Die Person dort abholen, wo sie gerade steht. Empathisch und emotional.

🎯 Die 5 Regeln der empathischen Kommunikation

  1. Zuhören > Reden
  2. Kurze, einfache Sätze verwenden
  3. Blickkontakt halten
  4. Körperkontakt angemessen einsetzen
  5. Nicht bewerten — jede Reaktion ist ok
💡 Praxis-Formulierungen

"Es tut mir sehr leid." / "Ich bin jetzt für Sie da." / "Nehmen Sie sich Zeit."

"Möchten Sie sich verabschieden?" / "Kann ich jemanden für Sie anrufen?"

Falls die Reanimation erfolglos war, sollte auch das vorbereitet kommuniziert werden — nicht abrupt.

💬 Block 1

🚨 KIT — Kriseninterventionsteam

Neben der Polizei (wird bei Todesfall immer über die Leitstelle informiert) gibt es das KIT — Kriseninterventionsteam.

Wann KIT alarmieren?

  • Angehörige brauchen weitere psychische Unterstützung
  • Besonders bei Kindernotfällen
  • Wenn du selbst als Team überfordert bist
  • Grosse Schadenslagen mit vielen Betroffenen
💡 Praxis-Tipp

KIT-Alarmierung läuft über die Leitstelle. Lieber einmal zu viel alarmieren als einmal zu wenig!

💬 Block 1

Besondere Situationen

👶 Eltern verstorbener Kinder

  • Klar und deutlich sein — manchmal muss man es mehrfach sagen
  • Die eigene Betroffenheit zu zeigen ist ok
  • KIT-Alarmierung ist hier besonders indiziert

🌍 Andere Kulturkreise

  • Reaktionen können befremdlich wirken — trotzdem akzeptieren!
  • Mimik und Gestik einsetzen wenn Sprachbarriere besteht
  • Bei Bedarf Dolmetscher hinzuziehen
⚠️ Merke

In manchen Kulturen sind lautes Klagen, Schreien oder körperliche Traürreaktionen völlig normal. Das ist kein Grund für Beunruhigung.

💬 Block 1

🧠 Eigene berufliche Belastung

⚠️ Zentrale Botschaft

"Nicht reinfressen!" — Es bringt nichts, solche Einsätze in sich hineinzufressen und zu denken, man wäre stark und müsse das aushalten.

✅ Was hilft

  • Darüber reden — mit Kollegen, die am Einsatz beteiligt waren
  • Jede vertraünswürdige, empathische Person ist geeignet
  • Professionelle Hilfe (Supervision, PSU) ist kein Zeichen von Schwäche
💡 Merksatz

Dafür sind wir alle nicht gemacht und haben das auch nicht nötig. Darüber zu sprechen ist Stärke, nicht Schwäche.

💬 Block 1

🎯 Szenario-Check

Zurück zu Frau B.: Nachdem du ihr die Nachricht überbracht hast, wird sie wütend und schreit: "Das ist alles eure Schuld! Warum habt ihr ihn nicht gerettet?!"

Wie reagierst du?

✅ Genau! Wut akzeptieren, nicht bewerten, zuhören. Die Person dort abholen, wo sie steht. +20 XP
❌ "Beruhigen Sie sich" oder Rechtfertigungen helfen nicht. Akzeptiere die Emotion und sei präsent.
⚖️ Block 2: Patientenrechte
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Patientenrechte im Rettungsdienst

Auch unter Zeitdruck und in Stresssituationen ist es unsere Aufgabe, die Rechte der Patienten zu kennen und zu respektieren.

Die wichtigsten Paragraphen im Überblick:

§ 630a — Behandlungsvertrag
§ 630e — Aufklärungspflicht
§ 630d — Einwilligung
§ 630f — Dokumentationspflicht
§ 630g — Einsichtsrecht
§ 630h — Behandlungsfehler
⚖️ Block 2

Behandlungsvertrag

⚖️ § 630a BGB — Behandlungsvertrag

Der Behandlungsvertrag kommt automatisch zustande, sobald ihr als Notfallsanitäter eine Person behandelt.

  • Recht des Patienten: Anspruch auf Behandlung nach anerkannten fachlichen Standards
  • Eure Pflicht: Patienten verständlich informieren und Behandlung dokumentieren
💡 Praxis-Bedeutung

Kein schriftlicher Vertrag nötig! Sobald ihr anfangt zu behandeln, gelten automatisch alle Rechte und Pflichten. Das heisst: Jeder Einsatz = Behandlungsvertrag.

⚖️ Block 2

Aufklärungspflicht

⚖️ § 630e BGB — Aufklärung & Information

Auch im Rettungsdienst gilt die Pflicht zur Aufklärung, soweit es die Situation erlaubt.

  • Recht auf verständliche Information über Maßnahmen
  • Kein Fachjargon — klar und einfach erklären
💡 Formulierungshilfe

Gut: "Wir geben Ihnen jetzt Sauerstoff, um Ihre Atmung zu unterstützen."

Schlecht: "Wir applizieren O2 mit 6l/min via Nasenbrille." ❌

⚖️ Block 2

Einwilligung & Selbstbestimmung

⚖️ § 630d BGB — Einwilligung

Der Patient muss in die Behandlung einwilligen. Das Selbstbestimmungsrecht gilt auch in Notsituationen!

💡 Formulierungshilfe

"Ist es in Ordnung, wenn wir Ihnen eine Infusion legen?"

"Ich möchte Ihren Blutdruck messen. Einverstanden?"

"Wir müssen Sie jetzt ins Krankenhaus bringen. Sind Sie damit einverstanden?"

⚠️ Ausnahmen

Bewusstlose Patienten oder lebensbedrohliche Notfälle ohne Zeit: Hier handelt ihr nach bestem Wissen im Interesse des Patienten (mutmassliche Einwilligung).

⚖️ Block 2

Dokumentation & Einsichtsrecht

⚖️ § 630f BGB — Dokumentationspflicht

Jede Maßnahme muss dokumentiert werden — vollständig und zeitnah.

⚖️ § 630g BGB — Einsichtsrecht

Der Patient hat das Recht auf Einsicht in seine Dokumentation.

💡 Praxis-Tipp

Nutzt die Rettungsdienstprotokolle sorgfältig und vollständig. Bei späterer Einsichtnahme müssen alle Informationen klar und nachvollziehbar sein.

Faustregel: Was nicht dokumentiert ist, hat nicht stattgefunden!

⚖️ Block 2

Behandlungsfehler

⚖️ § 630h BGB — Behandlungsfehler

Behandlungsfehler müssen vermieden und ggf. transparent gemacht werden.

  • Patient hat Anspruch auf Information und Unterstützung bei Verdacht auf Fehler
  • Ehrlichkeit und Transparenz — Patienten oder Angehörige informieren
  • Fehler dokumentieren
💡 Merke

Fehler zu vertuschen verschlimmert die Lage — rechtlich und menschlich. Transparenz schafft Vertrauen.

⚖️ Block 2

🎯 Szenario: Behandlung verweigert

Ein wacher, orientierter Patient mit Brustschmerzen lehnt den Transport ins Krankenhaus ab. Was tust du?

✅ Richtig! Selbstbestimmung nach § 630d BGB — aufklären, dokumentieren, Entscheidung respektieren. +20 XP
❌ Ein wacher, orientierter Patient darf ablehnen (§ 630d). Aufklären, dokumentieren, Unterschrift einholen.
🧠 Block 3: PsychKG
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PsychKG Hamburg

Das Hamburgische Gesetz über Hilfen und Schutzmassnahmen bei psychischen Krankheiten (PsychKG) regelt, wann und wie Menschen mit psychischen Erkrankungen auch gegen ihren Willen untergebracht werden können.

🧠 Kernfrage

Wann greift das PsychKG? Wenn eine Person aufgrund einer psychischen Erkrankung eine erhebliche Gefahr für sich selbst oder andere darstellt und diese Gefahr nicht anders abgewendet werden kann.

🧠 Block 3

Voraussetzungen für eine Unterbringung

Alle drei Bedingungen müssen gleichzeitig vorliegen:

1. Psychische Erkrankung
Es muss eine psychische Krankheit oder Störung vorliegen (z.B. Psychose, schwere Depression, akute Suizidalität)
2. Erhebliche Gefahr
Selbstgefährdung (z.B. Suizidversuch) ODER Fremdgefährdung (z.B. Angriff auf andere)
3. Keine Alternative
Die Gefahr kann nicht durch weniger eingreifende Maßnahmen abgewendet werden
⚠️ Achtung

Alkohol-/Drogenintoxikation allein = kein PsychKG! Nur wenn eine psychische Grunderkrankung vorliegt oder eine akute psychische Krise besteht.

🧠 Block 3

Ablauf der Unterbringung

1
Feststellung der Gefahr — Rettungsdienst/Polizei vor Ort
2
Sozialpsy. Dienst / Ordnungsamt anordnungsbefugt (tagsüber); nachts/Wochenende: Polizei
3
Transport in psychiatrische Einrichtung (i.d.R. durch RD)
4
Richterlicher Beschluss innerhalb von 24 Stunden (bei Sofortunterbringung)
🧠 Wichtig

Die Unterbringung ist ein massiver Eingriff in die Grundrechte. Deshalb: immer nur als letztes Mittel und mit richterlicher Kontrolle.

🧠 Block 3

🚑 Rolle des Rettungsdienstes

✅ Das dürfen wir

  • Situation einschätzen
  • Deeskalation versuchen
  • Polizei nachalarmieren
  • Transport durchführen
  • Medizinisch versorgen
  • Dokumentieren

❌ Das dürfen wir NICHT

  • Eigenmächtig unterbringen
  • Patienten fixieren (ohne Anordnung)
  • Zwangsmedikation (ohne ärztl. Anordnung)
  • Unterbringung anordnen
💡 Praxis-Tipp

Eigensicherung geht vor! Wenn die Situation unsicher ist: Abstand halten, Polizei anfordern, nicht den Helden spielen.

🧠 Block 3

📝 Dokumentation bei Zwangsmassnahmen

Bei PsychKG-Einsätzen ist die Dokumentation besonders wichtig:

  • Genaue Beschreibung des Verhaltens/der Situation
  • Welche Gefahr bestand (Selbst-/Fremdgefährdung)
  • Wer hat angeordnet (Polizei, SpD, Ordnungsamt)
  • Welche Maßnahmen wurden ergriffen
  • Zustand des Patienten während des Transports
  • Übergabe an wen, wann, wo
⚠️ Rechtliche Absicherung

Bei Zwangsmassnahmen schützt dich nur eine lückenlose Dokumentation. Schreibe so, als würde ein Richter es lesen — denn genau das kann passieren!

🧠 Block 3

🎯 Szenario: PsychKG

Ihr werdet zu einer Person gerufen, die auf einem Brückengeländer steht und droht zu springen. Sie ist ansprechbar, aber verwirrt und spricht von "Stimmen". Was ist korrekt?

✅ Richtig! Deeskalation, Eigensicherung, Polizei und lückenlose Dokumentation. PsychKG-Voraussetzungen (psychische Erkrankung + Selbstgefährdung) liegen vor. +20 XP
❌ Blindes Zugreifen gefährdet alle. Wegfahren ist unterlassene Hilfeleistung. Deeskalation + Polizei + Dokumentation ist der richtige Weg.
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Quiz — Teste dein Wissen!

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