Kommunikation, Patientenrechte & PsychKG
In diesem Modul lernst du drei zentrale Themen, die im Rettungsdienst-Alltag eng miteinander verbunden sind:
Arbeite die Folien in deinem Tempo durch. Am Ende wartet ein Quiz mit 15+ Fragen. Sammle XP!
Fallbeispiel: Frau B.
Frau B. war wegen einer Stoffwechselerkrankung eine Woche im Krankenhaus. Einen Tag vor der Entlassung telefoniert sie mit ihrem Mann — er kann sie nicht abholen, versichert aber, zuhause zu sein.
Als sie vor der Tür steht, macht niemand auf. Sie hat keinen Schlüssel. In ihrer Sorge ruft sie den Rettungsdienst an. Ein GW wird zur Türöffnung mitalarmiert.
Das GW-Team öffnet die Tür. Euer RTW-Team geht hinein. Im Wohnzimmer liegt der Ehemann auf der Couch — er ist tot.
Frau B. wartet draussen vor der Wohnungstür.
Was tust du jetzt?
🎯 Deine Entscheidung
Du musst Frau B. mitteilen, dass ihr Mann verstorben ist. Wie formulierst du es?
Todesnachricht überbringen
Vorbereitung ist alles
- Kurz vorbereiten: "Wir haben eine traurige Nachricht..."
- Dann ohne Umschweife sagen, was los ist
- Blickkontakt halten während des Gesprächs
Angemessen: "Ihr Mann ist verstorben." / "Ihr Mann ist tot."
Nicht angemessen: "Er ist eingeschlafen" ❌ / "Er ist von uns gegangen" ❌
Warum? "Eingeschlafen" impliziert Aufwachen, "von uns gegangen" impliziert Wiederkommen.
Während des Gesprächs
- Zuhören ist wichtiger als Reden
- Wenn du sprichst: kurze, einfache Sätze
- Körperkontakt kann angemessen sein (Hand auf Schulter) — das Mass ist entscheidend
- Verabschiedung von der verstorbenen Person anbieten — das kann helfen
Reaktionen der Angehörigen
Die Reaktion auf eine Todesnachricht kann sehr unterschiedlich sein:
Traür
Weinen, Zusammenbruch
Schock
Erstarrung, Stille
Wut
Aggression, Vorwürfe
Verleugnung
"Das kann nicht sein!"
Je unerwarteter der Tod, desto heftiger kann die Reaktion sein. Egal welche Reaktion — akzeptieren, nicht bewerten!
"Mitfühlen, nicht mitleiden." — Aufrichtige Anteilnahme darfst du zeigen. Aber versuche, den Einsatz nicht zu sehr an dich heranzulassen.
❤️ Empathie — das oberste Gebot
Die Person dort abholen, wo sie gerade steht. Empathisch und emotional.
🎯 Die 5 Regeln der empathischen Kommunikation
- Zuhören > Reden
- Kurze, einfache Sätze verwenden
- Blickkontakt halten
- Körperkontakt angemessen einsetzen
- Nicht bewerten — jede Reaktion ist ok
"Es tut mir sehr leid." / "Ich bin jetzt für Sie da." / "Nehmen Sie sich Zeit."
"Möchten Sie sich verabschieden?" / "Kann ich jemanden für Sie anrufen?"
Falls die Reanimation erfolglos war, sollte auch das vorbereitet kommuniziert werden — nicht abrupt.
🚨 KIT — Kriseninterventionsteam
Neben der Polizei (wird bei Todesfall immer über die Leitstelle informiert) gibt es das KIT — Kriseninterventionsteam.
Wann KIT alarmieren?
- Angehörige brauchen weitere psychische Unterstützung
- Besonders bei Kindernotfällen
- Wenn du selbst als Team überfordert bist
- Grosse Schadenslagen mit vielen Betroffenen
KIT-Alarmierung läuft über die Leitstelle. Lieber einmal zu viel alarmieren als einmal zu wenig!
Besondere Situationen
👶 Eltern verstorbener Kinder
- Klar und deutlich sein — manchmal muss man es mehrfach sagen
- Die eigene Betroffenheit zu zeigen ist ok
- KIT-Alarmierung ist hier besonders indiziert
🌍 Andere Kulturkreise
- Reaktionen können befremdlich wirken — trotzdem akzeptieren!
- Mimik und Gestik einsetzen wenn Sprachbarriere besteht
- Bei Bedarf Dolmetscher hinzuziehen
In manchen Kulturen sind lautes Klagen, Schreien oder körperliche Traürreaktionen völlig normal. Das ist kein Grund für Beunruhigung.
🧠 Eigene berufliche Belastung
"Nicht reinfressen!" — Es bringt nichts, solche Einsätze in sich hineinzufressen und zu denken, man wäre stark und müsse das aushalten.
✅ Was hilft
- Darüber reden — mit Kollegen, die am Einsatz beteiligt waren
- Jede vertraünswürdige, empathische Person ist geeignet
- Professionelle Hilfe (Supervision, PSU) ist kein Zeichen von Schwäche
Dafür sind wir alle nicht gemacht und haben das auch nicht nötig. Darüber zu sprechen ist Stärke, nicht Schwäche.
🎯 Szenario-Check
Zurück zu Frau B.: Nachdem du ihr die Nachricht überbracht hast, wird sie wütend und schreit: "Das ist alles eure Schuld! Warum habt ihr ihn nicht gerettet?!"
Wie reagierst du?
Patientenrechte im Rettungsdienst
Auch unter Zeitdruck und in Stresssituationen ist es unsere Aufgabe, die Rechte der Patienten zu kennen und zu respektieren.
Die wichtigsten Paragraphen im Überblick:
Behandlungsvertrag
Der Behandlungsvertrag kommt automatisch zustande, sobald ihr als Notfallsanitäter eine Person behandelt.
- Recht des Patienten: Anspruch auf Behandlung nach anerkannten fachlichen Standards
- Eure Pflicht: Patienten verständlich informieren und Behandlung dokumentieren
Kein schriftlicher Vertrag nötig! Sobald ihr anfangt zu behandeln, gelten automatisch alle Rechte und Pflichten. Das heisst: Jeder Einsatz = Behandlungsvertrag.
Aufklärungspflicht
Auch im Rettungsdienst gilt die Pflicht zur Aufklärung, soweit es die Situation erlaubt.
- Recht auf verständliche Information über Maßnahmen
- Kein Fachjargon — klar und einfach erklären
Gut: "Wir geben Ihnen jetzt Sauerstoff, um Ihre Atmung zu unterstützen."
Schlecht: "Wir applizieren O2 mit 6l/min via Nasenbrille." ❌
Einwilligung & Selbstbestimmung
Der Patient muss in die Behandlung einwilligen. Das Selbstbestimmungsrecht gilt auch in Notsituationen!
"Ist es in Ordnung, wenn wir Ihnen eine Infusion legen?"
"Ich möchte Ihren Blutdruck messen. Einverstanden?"
"Wir müssen Sie jetzt ins Krankenhaus bringen. Sind Sie damit einverstanden?"
Bewusstlose Patienten oder lebensbedrohliche Notfälle ohne Zeit: Hier handelt ihr nach bestem Wissen im Interesse des Patienten (mutmassliche Einwilligung).
Dokumentation & Einsichtsrecht
Jede Maßnahme muss dokumentiert werden — vollständig und zeitnah.
Der Patient hat das Recht auf Einsicht in seine Dokumentation.
Nutzt die Rettungsdienstprotokolle sorgfältig und vollständig. Bei späterer Einsichtnahme müssen alle Informationen klar und nachvollziehbar sein.
Faustregel: Was nicht dokumentiert ist, hat nicht stattgefunden!
Behandlungsfehler
Behandlungsfehler müssen vermieden und ggf. transparent gemacht werden.
- Patient hat Anspruch auf Information und Unterstützung bei Verdacht auf Fehler
- Ehrlichkeit und Transparenz — Patienten oder Angehörige informieren
- Fehler dokumentieren
Fehler zu vertuschen verschlimmert die Lage — rechtlich und menschlich. Transparenz schafft Vertrauen.
🎯 Szenario: Behandlung verweigert
Ein wacher, orientierter Patient mit Brustschmerzen lehnt den Transport ins Krankenhaus ab. Was tust du?
PsychKG Hamburg
Das Hamburgische Gesetz über Hilfen und Schutzmassnahmen bei psychischen Krankheiten (PsychKG) regelt, wann und wie Menschen mit psychischen Erkrankungen auch gegen ihren Willen untergebracht werden können.
Wann greift das PsychKG? Wenn eine Person aufgrund einer psychischen Erkrankung eine erhebliche Gefahr für sich selbst oder andere darstellt und diese Gefahr nicht anders abgewendet werden kann.
Voraussetzungen für eine Unterbringung
Alle drei Bedingungen müssen gleichzeitig vorliegen:
Es muss eine psychische Krankheit oder Störung vorliegen (z.B. Psychose, schwere Depression, akute Suizidalität)
Selbstgefährdung (z.B. Suizidversuch) ODER Fremdgefährdung (z.B. Angriff auf andere)
Die Gefahr kann nicht durch weniger eingreifende Maßnahmen abgewendet werden
Alkohol-/Drogenintoxikation allein = kein PsychKG! Nur wenn eine psychische Grunderkrankung vorliegt oder eine akute psychische Krise besteht.
Ablauf der Unterbringung
Die Unterbringung ist ein massiver Eingriff in die Grundrechte. Deshalb: immer nur als letztes Mittel und mit richterlicher Kontrolle.
🚑 Rolle des Rettungsdienstes
✅ Das dürfen wir
- Situation einschätzen
- Deeskalation versuchen
- Polizei nachalarmieren
- Transport durchführen
- Medizinisch versorgen
- Dokumentieren
❌ Das dürfen wir NICHT
- Eigenmächtig unterbringen
- Patienten fixieren (ohne Anordnung)
- Zwangsmedikation (ohne ärztl. Anordnung)
- Unterbringung anordnen
Eigensicherung geht vor! Wenn die Situation unsicher ist: Abstand halten, Polizei anfordern, nicht den Helden spielen.
📝 Dokumentation bei Zwangsmassnahmen
Bei PsychKG-Einsätzen ist die Dokumentation besonders wichtig:
- Genaue Beschreibung des Verhaltens/der Situation
- Welche Gefahr bestand (Selbst-/Fremdgefährdung)
- Wer hat angeordnet (Polizei, SpD, Ordnungsamt)
- Welche Maßnahmen wurden ergriffen
- Zustand des Patienten während des Transports
- Übergabe an wen, wann, wo
Bei Zwangsmassnahmen schützt dich nur eine lückenlose Dokumentation. Schreibe so, als würde ein Richter es lesen — denn genau das kann passieren!
🎯 Szenario: PsychKG
Ihr werdet zu einer Person gerufen, die auf einem Brückengeländer steht und droht zu springen. Sie ist ansprechbar, aber verwirrt und spricht von "Stimmen". Was ist korrekt?
Quiz — Teste dein Wissen!
15 Fragen aus allen 3 Blöcken. Wähle die richtige Antwort und klicke auf "Prüfen".