Cerebraler Krampfanfall
Lernmodul Neurologie — Notfallmedizin
In diesem Modul lernst du alles Wichtige zu Krampfanfällen: Erkennung, Ursachen, Phasen, Notfallmanagement und Medikamentengabe.
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Was ist ein Krampfanfall?
Definition und Grundlagen
Ein cerebraler Krampfanfall ist eine plötzliche, unkontrollierte Entladung elektrischer Aktivität im Gehirn, die zu verändertem Bewusstsein, unkontrollierten Bewegungen oder veränderten Empfindungen führen kann.
- Plötzlicher Beginn
- Unkontrollierte Bewegungen
- Bewusstseinsveränderung möglich
- Meist selbstlimitierend (2–5 Min.)
- Kann in jedem Alter auftreten
Dauert ein Anfall länger als 5 Minuten, spricht man von einem Status epilepticus — ein lebensbedrohlicher Notfall!
Arten von Krampfanfällen
Generalisiert, fokal und Absencen
Generalisiert = Ganzer Körper betroffen
Fokal = Fokussiert auf eine Region
Absence = Abwesend im Geist
Ursachen von Krampfanfällen
VITAMIN-D Eselsbrücke
- Epilepsie — Häufigste Ursache wiederkehrender Anfälle
- Fieber — Fieberkrämpfe v.a. bei Kindern (6 Mon. – 5 J.)
- Schädel-Hirn-Trauma — Früh- und Spätanfälle
- Intoxikation — Drogen, Alkohol, Medikamente
- Hypoglykämie — Unterzuckerung → Energiemangel im Gehirn
- Elektrolytstörung — Na+, Ca2+, Mg2+ Verschiebungen
- Schlaganfall / Hirntumor
- Infektionen (Meningitis, Enzephalitis)
- Eklampsie (Schwangerschaft)
- Alkoholentzug
- Genetische Veranlagung
Fieber • Epilepsie • Trauma • Intoxikation • Hypoglykämie • Elektrolytstörung
Phasen eines Krampfanfalls
Tonisch → Klonisch → Postiktal
Plötzliche Muskelversteifung, Bewusstlosigkeit, evt. initialer Schrei, Sturz, Atemstillstand möglich
Rhythmische Muskelzuckungen, Speichelfluss, evtl. Zungenbiss, Urinabgang möglich
Erschöpfung, Verwirrtheit, Schlafrigkeit, Amnesie, langsame Erholung
Tonisch = Total steif → Klonisch = Krampfend → Postiktal = Platt
Notfallmanagement
ABCDE-Schema und Sofortmaßnahmen
Keine Gegenstände in den Mund stecken! Keinen Beissschutz! Den Patienten NICHT festhalten — nur vor Verletzungen schützen!
Postiktale Versorgung
Nach dem Anfall
- Stabile Seitenlage zur Aspirationsprophylaxe
- Atemwege freihalten, ggf. absaugen
- Sauerstoffgabe fortführen
- Vitalparameter kontrollieren
- BZ messen (Hypoglykämie?)
- Beruhigende Ansprache
- Anfallsdauer und -art dokumentieren
- Symptome: Was genau ist passiert?
- Allergien: Bekannte Unverträglichkeiten?
- Medikamente: Antiepileptika? Regelmässig?
- Patientengeschichte: Epilepsie bekannt?
- Letzte Mahlzeit / Letzte Einnahme?
- Ereignis: Auslöser? Trauma?
- Risiken: Drogen? Alkohol? Schwangerschaft?
Benzodiazepine
Das Mittel der Wahl bei Krampfanfällen
Benzodiazepine verstärken die Wirkung des hemmenden Neurotransmitters GABA im Gehirn. Dadurch wird die überschüssige elektrische Aktivität unterdrückt und der Krampfanfall beendet.
- Antikonvulsiv (krampflösend)
- Sedierend
- Anxiolytisch (angstlösend)
- Muskelrelaxierend
- Atemdepression!
- Blutdruckabfall
- Müdigkeit, Verwirrtheit
- Abhängigkeitspotenzial
Medikamente & Dosierungen
Midazolam & Diazepam im Rettungsdienst
| Medikament | Applikation | Dosis Erwachsene | Hinweis |
|---|---|---|---|
| Midazolam | MAD nasal | 5–10 mg | Schneller Wirkeintritt, ideal ohne i.v.-Zugang |
| Midazolam | i.v. | 2,5–5 mg | Titrierend, langsam |
| Diazepam | i.v. | 5–10 mg | Langsam injizieren |
| Diazepam | rektal (Kinder) | 5–10 mg | Rektiole, bei Kindern Mittel der Wahl |
Kein Zugang? → Midazolam MAD nasal oder Diazepam rektal
Zugang vorhanden? → Midazolam oder Diazepam i.v.
Kinder ohne Zugang? → Diazepam Rektiole!
Nach jeder Benzodiazepin-Gabe: Atmung engmaschig überwachen! Beatmungsbereitschaft herstellen! Besonders bei Kombination mit Opioiden!
Status epilepticus
Der neurologische Notfall — ZEITKRITISCH!
Ein Krampfanfall, der länger als 5 Minuten andauert oder mehrere Anfälle ohne Wiedererlangung des Bewusstseins hintereinander — das ist ein Status epilepticus!
5 Min. = Benzos • 15 Min. = Benzos wiederholen • 30 Min. = Narkose erwägen
Jede Minute zählt — Hirnschäden drohen!
Fallbeispiel 1: Epilepsiepatient
Grand-Mal-Anfall bei bekannter Epilepsie
Meldung: Krampfanfall, Patient bekannt epileptisch
Einsatzort: Zuhause
Rettungsmittel: RTW ohne NEF (NFS/RS)
Patient: 30 Jahre, männlich
Hergang: Angehörige berichten, dass der Patient seit etwa einer Minute krampft. Bekannter Epileptiker, nimmt Lamotrigin unregelmäßig.
Diagnose: V.a. Grand-Mal-Anfall
| Parameter | Primärkontrolle |
|---|---|
| Airway | Atemwege frei, Absaugbereitschaft |
| Breathing | AF 24/Min., unregelmäßig, SpO₂ 86% |
| Circulation | Puls 110/min, blass, kaltschweissig, RR 150/80 |
| Disability | GCS 3, Pupillen isokor, leicht verzögert |
Fall 1: Dein Entscheidungspunkt
Der Patient krampft seit 3 Minuten weiter. Was tust du?
| Parameter | Sekundärkontrolle |
|---|---|
| Airway | Atemwege frei nach Absaugung |
| Breathing | AF 20/Min., regelmäßig, SpO₂ 98% |
| Circulation | Puls 90/min, RR 125/75, rosige Haut |
| Disability | GCS 14, Pupillen prompt, BZ 112 |
In neurologische Klinik nach Voranmeldung. Dokumentation: Anfallsdauer, Diazepam-Gabe und Wirkung.
Fallbeispiel 2: Fieberkrampf
Kleinkind im Kindergarten
Meldung: Kleinkind krampft, hohes Fieber
Einsatzort: Kindergarten
Rettungsmittel: RTW ohne NEF (NFS/RS)
Patient: 3 Jahre, weiblich
Hergang: Erzieher berichtet, das Kind hatte plötzlich einen Krampfanfall. Mehrere Kinder mit Fieber in der Gruppe.
Diagnose: Fieberkrampf
| Parameter | Primärkontrolle |
|---|---|
| Airway | Atemwege frei, Absaugung bereit |
| Breathing | AF 30/Min., flach, SpO₂ 86% |
| Circulation | HF 160/min, RR 110/60 mmHg |
| Disability | GCS 10, Pupillen isokor, leicht verzögert |
Fall 2: Dein Entscheidungspunkt
Das Kind krampft weiterhin. Wie gehst du vor?
| Parameter | Sekundärkontrolle |
|---|---|
| Airway | Atemwege weiterhin frei |
| Breathing | SpO₂ 98% unter O₂ |
| Circulation | HF 130/min, RR 100/60 mmHg |
| Disability | GCS 15, Pupillen prompt |
In pädiatrische Klinik nach Voranmeldung. Beruhigung der Erzieher und Eltern. Dokumentation!
Fallbeispiel 3: Drogenintoxikation
Krampfanfall nach Heroininjektion
Meldung: Junge Frau, Krampfanfall nach Drogenkonsum
Einsatzort: Wohnung
Rettungsmittel: RTW + NEF (NFS/NA/RS)
Patient: 25 Jahre, weiblich
Hergang: Freund berichtet, Patientin hatte kurz nach Heroininjektion einen Krampfanfall.
Besonderheit: Atemdepression + Krampfanfall — Doppeltes Risiko!
| Parameter | Primärkontrolle |
|---|---|
| Airway | Teilweise verlegt durch Erbrochenes! |
| Breathing | AF 10/Min., flach, SpO₂ 84% |
| Circulation | Puls 110/min, RR 120/75 mmHg |
| Disability | GCS 6, Pupillen isokor |
Verlegte Atemwege + niedrige SpO₂ + Opioidintoxikation = SOFORTIGES Handeln!
Fall 3: Dein Entscheidungspunkt
Atemwege verlegt, Krampfanfall, GCS 6 — Was hat Priorität?
| Parameter | Sekundärkontrolle |
|---|---|
| Airway | Nach Absaugen Atemwege frei |
| Breathing | AF 14/Min., SpO₂ 97% unter O₂ |
| Circulation | Puls 78/min, RR 115/70 mmHg |
| Disability | GCS 13 nach Diazepamgabe (10 mg i.v.) |
Transport unter engmaschigem Monitoring in toxikologische Abteilung. Cave: Benzodiazepin + Opioid = verstärkte Atemdepression! Beatmungsbereitschaft!
Besonderheiten bei Kindern
Fieberkrämpfe und pädiatrische Dosierungen
- Häufigste Krampfursache bei Kindern
- Alter: 6 Monate bis 5 Jahre
- Ausgelöst durch schnellen Temperaturanstieg
- Meist selbstlimitierend (<5 Min.)
- In der Regel gutartig, aber beängstigend!
- Selten Übergang in Status epilepticus
<15 kg: 5 mg rektal
>15 kg: 10 mg rektal
Mittel der Wahl bei Kindern ohne i.v.-Zugang!
Alternative: Midazolam über MAD nasal, gewichtsadaptiert dosieren.
Zusammenfassung
Die Big 5 — Das musst du wissen!
Wissensquiz
15 Fragen — teste dein Wissen!
Geschafft!
Dein Ergebnis