Was ist das MdvH?
Das Modell der vollständigen Handlung (MdvH) ist ein didaktisches Konzept, das in der deutschen Berufsausbildung fest verankert ist. Es beschreibt den idealtypischen Ablauf einer beruflichen Handlung in sechs aufeinander aufbauenden Phasen. Ziel ist es, Lernende zu selbstständigem, reflektiertem Handeln zu befähigen — ein zentrales Prinzip auch in der Ausbildung zum Notfallsanitäter.
Das Modell fördert nicht nur Fachwissen, sondern auch Methodenkompetenz, Sozialkompetenz und Selbstkompetenz — unverzichtbar für den Rettungsdienst, wo eigenverantwortliches Entscheiden unter Zeitdruck gefordert ist.
Die Lernenden erfassen die Aufgabenstellung und beschaffen sich alle relevanten Informationen. Sie klären den Kontext, identifizieren Wissenslücken und nutzen verschiedene Informationsquellen.
- Aufgabenstellung analysieren und verstehen
- Vorwissen aktivieren
- Gezielt Informationen recherchieren (Leitlinien, SOPs, Fachliteratur)
- Fragen formulieren
Der Auszubildende erhält den Auftrag, eine Unterrichtsstunde zum Thema «Anaphylaxie» vorzubereiten. Er recherchiert in Leitlinien, SOP-Karten und Lehrbüchern.
Auf Basis der gesammelten Informationen entwickeln die Lernenden einen Handlungsplan. Sie strukturieren ihr Vorgehen, legen Arbeitsschritte fest und kalkulieren Ressourcen.
- Arbeitsschritte definieren und in Reihenfolge bringen
- Materialien und Ressourcen identifizieren
- Zeitrahmen festlegen
- Alternativstrategien überlegen
Er erstellt einen Unterrichtsentwurf: Einstieg mit Fallbeispiel, Erarbeitung der Pathophysiologie, praktische Übung mit Adrenalin-Autoinjektor, Sicherungsphase.
Die Lernenden bewerten ihre Planungsoptionen, wägen Vor- und Nachteile ab und treffen eine begründete Entscheidung für ein konkretes Vorgehen. Diese Phase fördert Entscheidungskompetenz.
- Verschiedene Lösungswege vergleichen
- Machbarkeit, Risiken und Nutzen abwägen
- Entscheidung begründen und dokumentieren
- Rücksprache mit Praxisanleitung halten
Er entscheidet sich für einen simulationsbasierten Ansatz, da dieser den Praxisbezug maximiert und die Handlungskompetenz der Lerngruppe stärkt.
Der geplante Handlungsablauf wird praktisch umgesetzt. Die Lernenden wenden ihr Wissen an, nutzen ihre Fertigkeiten und setzen den Plan in die Tat um.
- Geplante Arbeitsschritte systematisch durchführen
- Fachgerecht und sicherheitsbewusst arbeiten
- Bei Abweichungen flexibel reagieren
- Prozess dokumentieren
Der Auszubildende führt die Unterrichtsstunde durch: Fallbeispiel präsentieren, Gruppenarbeit anleiten, praktische Übung am Phantom durchführen.
Die Ergebnisse werden anhand der ursprünglichen Zielsetzung überprüft. Soll-Ist-Vergleich: Wurde das Ziel erreicht? Wo gibt es Abweichungen?
- Ergebnis mit der Zielsetzung vergleichen
- Qualitätskriterien prüfen
- Feedback von Beteiligten einholen
- Abweichungen identifizieren und dokumentieren
Er prüft: Haben die Teilnehmer die Stadien der Anaphylaxie verstanden? Konnten sie den Adrenalin-Autoinjektor korrekt anwenden? Feedback der Gruppe einholen.
Abschließende Reflexion über den gesamten Handlungsprozess. Die Lernenden bewerten nicht nur das Ergebnis, sondern auch ihren eigenen Lern- und Arbeitsprozess.
- Gesamtprozess kritisch reflektieren
- Persönlichen Lernzuwachs einschätzen
- Verbesserungsmöglichkeiten ableiten
- Erkenntnisse auf zukünftige Handlungen übertragen (Transfer)
Reflexion: Der Einstieg war motivierend, die Gruppenarbeit hätte straffer moderiert werden können. Für die nächste Einheit wird ein klarerer Arbeitsauftrag formuliert.
Bezug zur Praxisanleitung im Rettungsdienst
Das MdvH ist das zentrale didaktische Planungsinstrument für Praxisanleitende im Rettungsdienst. Es bietet eine klare Struktur, um Anleitungssituationen handlungsorientiert zu gestalten und den Auszubildenden systematisch zur Selbstständigkeit zu führen.
Anleitungsgespräche
Vor- und Nachbesprechung von Einsätzen nach MdvH-Struktur — vom Informieren bis zum Bewerten.
Unterrichtsentwürfe
Jede Lehreinheit kann nach den 6 Phasen strukturiert werden — für maximale Handlungsorientierung.
Kompetenzentwicklung
Fördert alle vier Kompetenzbereiche: Fach-, Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenz.
Reflexionskultur
Systematische Reflexion (Phase 5+6) fördert Fehlerkultur und kontinuierliche Verbesserung.
Beispiel: NotSan-Unterrichtsstunde nach MdvH
Thema: «Atemwegsmanagement — Supraglottische Atemwegshilfen»
Informieren (10 min)
Fallbeispiel: Bewusstloser Patient mit Atemwegsverlegung. Lernende sammeln Vorwissen zu Atemwegssicherung und identifizieren offene Fragen.
Planen (10 min)
Gruppenarbeit: Algorithmus zur Atemwegssicherung erarbeiten. Welche Hilfsmittel stehen zur Verfügung? In welcher Reihenfolge vorgehen?
Entscheiden (5 min)
Gruppen präsentieren ihre Algorithmen, vergleichen Ansätze und einigen sich auf ein strukturiertes Vorgehen.
Ausführen (20 min)
Praktische Übung am Phantom: Larynxtubus und Larynxmaske einsetzen. Jeder Teilnehmer übt unter Anleitung.
Kontrollieren (10 min)
Checklisten-basierte Überprüfung: Liegt der Tubus korrekt? Ist die Ventilation suffizient? Peer-Feedback in der Gruppe.
Bewerten (5 min)
Abschlussreflexion: Was hat gut funktioniert? Wo gab es Schwierigkeiten? Was nehme ich für den Einsatz mit? Transfer auf den Realeinsatz.