🏠
Palliativpatienten im Rettungsdienst
UE 3.1.41
RTW 14A
0 / 500 XP
🕊️

Palliativpatienten im Rettungsdienst

Rettungsdienstliche Versorgung mit Kompetenz, Empathie und Respekt vor der Patientenautonomie

📚 20 Lerneinheiten ❓ 15 Quizfragen ⭐ Max. 500 XP ⏱️ ca. 35 Min.
📈
Zunehmende Bedeutung
Warum dieses Thema immer wichtiger wird

🌍 Gesellschaftliche Entwicklung

  • Palliative Notfallsituationen betreffen zunehmend den Rettungsdienst
  • Demografische Entwicklung: Mehr Menschen erreichen ein hohes Alter
  • Bessere Therapien: Lebenszeitverlängerung bei schweren Erkrankungen
  • Trend zur häuslichen Versorgung und ambulanter Palliativbetreuung
💡 Kernbotschaft: Therapieentscheidungen von Maximaltherapie bis Therapielimitierung fallen immer öfter in den Aufgabenbereich des Rettungsdienstes.

✅ Voraussetzungen für Interventionen

  • Zustimmung des Patienten oder gültige Patientenverfügung
  • Medizinische Indikation für die geplante Maßnahme
  • Gute Vorbereitung, Kommunikation und Ausbildung sind entscheidend
⚠️
Die 6 Problemfelder
Zentrale Herausforderungen bei palliativen Notfällen
🔍
1. Erkennen
Palliativpatienten in der Notfallsituation identifizieren
📋
2. Klassifizierung
Art des palliativen Notfalls einordnen
💉
3. Therapie
Multidimensionale Versorgung sicherstellen
⚖️
4. Rechtliche Fragen
Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht
💜
5. Psychosoziales
Überlastung der Angehörigen, Krisen
🏥
6. Weiterversorgung
Palliativstation, ambulante Dienste
⚠️ Achtung: Psychosoziale Komponenten fehlen oft im Notarztindikationskatalog - sie sind aber bei Palliativpatienten zentral!
🔍
Erkennen von Palliativpatienten
Die besondere Herausforderung vor Ort

🚨 Einsatzmeldung vs. Realität

  • Leitstellendisponenten geben Symptome oder Verdachtsdiagnosen weiter
  • Diese Informationen reichen nicht aus, um Palliativpatienten vorab zu erkennen
  • Im Gegensatz zu z.B. pädiatrischen Notfällen ist der Palliativstatus bei Alarmierung unbekannt
  • Erkennung erfolgt meist erst bei Eintreffen am Einsatzort
💡 Wichtig: Weder Patienten noch Angehörige wissen manchmal, dass der Patient als palliativ eingestuft ist, da diese Information möglicherweise nicht kommuniziert wurde.
📜 Ethischer Grundsatz

Die Einordnung als Palliativpatient darf nicht automatisch mit „Lebensende“ gleichgesetzt werden. Palliativmedizin erfordert oft komplexe und multidimensionale Notfallversorgung!

🧭
Erkennen - Handlungsleitfaden
Systematisches Vorgehen am Einsatzort

📋 Zwei Szenarien

Szenario A: Patient ist nicht bekannt als palliativ → Primäre Therapie wie bei jedem Notfallpatienten, anschließend ggf. Kliniküberführung
Szenario B: Patient ist bereits palliativmedizinisch vorbehandelt oder ambulant betreut → Besondere Maßnahmen können erforderlich sein

🎯 Nach der Identifikation

  • Art des Notfalls bestimmen
  • Erkrankungsstadium einschätzen
  • Erweiterte Behandlungsstrategien entwickeln
  • Keine voreiligen Schlüsse über die Prognose ziehen
💬 Praxis: Formulierungshilfe am Einsatzort
„Werden Sie aktüll von einem Palliativteam oder Hausarzt wegen einer schweren Erkrankung betreut?“
„Gibt es Unterlagen wie eine Patientenverfügung oder einen Notfallplan, die wir berücksichtigen sollen?“
📊
Klassifizierung palliativer Notfälle
Vier Hauptkategorien für die differenzierte Versorgung

📋 Grundprinzip

Palliativpatienten sind nicht per se sterbend – ihre Lebenserwartung variiert stark. Die Klassifizierung bestimmt den Behandlungsansatz.

🔵 Kategorie 1: Notfall unabhängig von der Grunderkrankung

z.B. akutes Koronarsyndrom, Schlaganfall bei einem Krebspatienten

  • Primäre Therapie der akuten Symptome
  • Beurteilung des Erkrankungsstadiums
  • Berücksichtigung des Therapiewunsches
  • Transport in geeignete Klinik

🟡 Kategorie 2: Notfall durch Therapie der Grunderkrankung

z.B. Nebenwirkungen von Chemo-/Strahlentherapie

  • Primäre Therapie der therapiebedingten Symptome
  • Klärung der Vorbehandlung
  • Transport in die behandelnde Klinik
📊
Kategorien 3 und 4
Exazerbationen der Grunderkrankung

🔴 Kategorie 3: Erstmalige Exazerbation von Krankheitssymptomen

z.B. erstmalige Dyspnoe bei Bronchialkarzinom

  • Primäre Therapie der neuen Symptome
  • Beurteilung des Erkrankungsstadiums
  • Berücksichtigung psychosozialer Aspekte
  • Transport ggf. auf Palliativstation

🟣 Kategorie 4: Wiederholte Exazerbation bekannter Symptome

Fortgeschrittenes Krankheitsstadium mit bekannter Symptomatik

  • Primäre Therapie der bekannten Symptome
  • Sicherstellung der ambulanten Weiterversorgung
  • Transport in bekannte Klinik oder geeignete Notaufnahme
⚠️ Beachte: In den Kategorien 3 und 4 beeinflussen und verstärken psychosoziale und spiritülle Aspekte oft die Notfallsituationen. Diese müssen berücksichtigt werden!
💡
Besonderheiten der Kategorien
Unterschiede in der Herangehensweise
💜 Ethische Reflexion

Notfallsituationen im fortgeschrittenen Stadium sind oft ein Ruf nach Unterstützung und Hilfe – nicht unbedingt nach maximaler medizinischer Versorgung.

⚖️ Therapieentscheidung - 4 Säulen

  • Medizinische Indikation für die Handlungsweise stellen
  • Schriftliche Verfügungen in die Therapieentscheidung einbeziehen
  • Angehörigengespräch – besonders bei Vorsorgevollmacht
  • Teamabsprache im Notfallteam für einheitliches Vorgehen
💬 Praxis: Formulierungshilfe Teamabsprache
„Lass uns kurz absprechen: Wir haben hier einen Palliativpatienten, Kategorie 3. Was ist unser gemeinsames Vorgehen?“
💉
Therapie als multidimensionales Geschehen
Weit mehr als reine medizinische Versorgung

🎯 Primäre Aufgaben im Notfall

  • Wiederherstellung und Erhalt lebenswichtiger Funktionen
  • Vermeidung von Folgeschäden
  • Herstellung der Transportfähigkeit
  • Transport in eine geeignete Klinik

🚨 Typische Indikationen

  • Atmungsprobleme & Dyspnoe
  • Herz-Kreislauf-Beschwerden inkl. Reanimation
  • Bewusstseinsstörungen
  • Schmerzexazerbationen
  • Sonstige Beschwerden mit Einfluss auf Vitalfunktionen
💜 Wichtiger Unterschied: Bei palliativen Notfällen steht die kurative Heilung nicht im Mittelpunkt. Stattdessen müssen 6 Dimensionen berücksichtigt werden.
🌀
Die 6 Dimensionen palliativer Notfälle
Ganzheitliche Betrachtung der Versorgung
🏥
1. Medizinisch
Schmerz, Luftnot, Agitation, Krampfanfall, Herz-Kreislauf-Stillstand
🧠
2. Psychisch
Angst, reaktive Depression, psychische Überlastung, psychosoziale Krise
👥
3. Sozial
Betreuungssituation, Vereinsamung, Hilflosigkeit, Aufgeben sozialer Beziehungen
⚖️
4. Ethisch
Patientenwille vs. medizinische Entscheidung, Reanimation am Lebensende
📜
5. Rechtlich
Patientenverfügung, therapeutische Entscheidungen, ambulantes Belassen
🕊️
6. Spiritüll
Geistlicher Beistand, Notfallseelsorge, existenzielle Fragen
🏥
Medizinische & Psychische Dimension
Körper und Seele gemeinsam betrachten

🏥 Medizinische Dimension

  • Schmerz: Häufigster Notfallgrund, erfordert adäquate Analgesie
  • Dyspnoe: Extrem belastend, Angst verstärkend
  • Agitation: Kann Ausdruck von Schmerz, Angst oder Delir sein
  • Krampfanfälle: Akute Intervention notwendig
  • Herz-Kreislauf-Stillstand: Entscheidung unter Berücksichtigung des Patientenwillens

🧠 Psychische Dimension

  • Angst und Panik – bei Patient und Angehörigen
  • Reaktive Depression durch Krankheitsprogress
  • Psychische Überlastung aller Beteiligten
  • Psychosoziale Krise als eigenständiger Notfall
💬 Praxis: Bei Angst und Panik
„Ich sehe, dass Sie gerade große Angst haben. Das ist in dieser Situation völlig verständlich. Wir sind jetzt bei Ihnen und kümmern uns.“
👥
Soziale & Ethische Dimension
Mensch sein im Einsatz

👥 Soziale Dimension

  • Betreuungssituation: Wer versorgt den Patienten normalerweise?
  • Vereinsamung: Fehlende soziale Kontakte als Krisenfaktor
  • Hilflosigkeit: Kontrollverlust über die eigene Situation
  • Aufgeben sozialer Beziehungen: Zunehmende Isolation durch Krankheit
⚖️ Ethische Dimension
  • Patientenwille vs. medizinische Entscheidung – Wer entscheidet?
  • Reanimation am Lebensende – Ist sie indiziert und gewünscht?
  • Medizinische Indikation: Nicht alles was möglich ist, ist auch sinnvoll
  • Behandlungssinnhaftigkeit: Hilft die Maßnahme dem Patienten wirklich?
💬 Praxis: Gespräch mit Angehörigen
„Ich verstehe, dass dies eine sehr belastende Situation für Sie ist. Können Sie mir erzählen, was Ihr Angehöriger sich für eine solche Situation gewünscht hat?“
⚖️
Rechtliche Dimension
Patientenautonomie und Handlungssicherheit

📜 Grundprinzipien

  • Einsichtsfähige Patienten können medizinische Maßnahmen jederzeit ablehnen
  • Einfordern von Maßnahmen ohne medizinische Indikation ist nicht möglich
  • Ablehnung und Einforderung sind im palliativen Kontext gut planbar
🚨 Wichtig: Angehörige eines nicht kontaktierbaren Patienten haben kein natürliches Stellvertretungsrecht! Nur mit Vorsorgevollmacht oder gerichtlicher Betreuung.

📚 Notwendige Kenntnisse

  • Patientenverfügung: Schriftlicher Vorauswille des Patienten
  • Vorsorgevollmacht: Bevollmächtigung einer Vertraünsperson
  • Betreuungsverfügung: Vorschläge für gerichtliche Betreuung
  • Notfallplan: Konkrete Handlungsanweisungen für Notfallsituationen
⚠️ Sterbehilfe-Wissen

Notfallteams müssen wissen, was aktive, passive und direkte sowie indirekte Sterbehilfe umfasst, um rechtliche Fehlannahmen zu vermeiden!

📝
Palliativnotfallbogen & Verfügungen
Instrumente für die Praxis

📋 Palliativnotfallbogen (Regensburger Modell)

  • Dokumentation von Diagnosen und aktüllen Problemen
  • Kontaktpersonen (Palliativteam, Hausärzte)
  • Wünsche bezüglich Reanimation und Krankenhauseinweisung
  • Gültigkeit von Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten
  • Hilft bei der Umsetzung des Patientenwillens
💡 Merke: Schriftliche Verfügungen entbinden das Notfallteam nicht davon, aktülle Willensäußerungen des Patienten zu berücksichtigen!

⏱️ Garantenpflicht & Einsatzdauer

  • Ein Notfalleinsatz ist erst nach ausreichender Versorgung abgeschlossen
  • Probleme der Garantenpflicht dürfen nicht aus der Versorgungsdauer resultieren
  • Zeit- und zuwendungsintensive Betreuung vs. schnelle Einsatzbereitschaft
💬 Praxis: Bei vorhandener Patientenverfügung
„Ich sehe, dass eine Patientenverfügung vorliegt. Wir werden diese selbstverständlich berücksichtigen. Entspricht das Geschriebene noch dem aktüllen Wunsch?“
🕊️
Spiritülle Dimension
Den ganzen Menschen sehen
🕊️ Spiritülle Bedürfnisse

Gerade in existenziellen Krisen haben viele Patienten und Angehörige das Bedürfnis nach spiritüllem Beistand – unabhängig von religiöser Zugehörigkeit.

🌟 Handlungsoptionen

  • Notfallseelsorge nachalarmieren lassen
  • Geistlichen Beistand anbieten, wenn gewünscht
  • Zuhören – manchmal ist Präsenz die wichtigste Maßnahme
  • Würde bewahren in jeder Phase der Versorgung
💬 Praxis: Spiritülle Unterstützung anbieten
„Gibt es jemanden, den wir für Sie benachrichtigen sollen? Einen Seelsorger oder eine Vertraünsperson, die Ihnen in dieser Situation beistehen kann?“
💜
Psychosoziale Fragestellungen
Überlastung der Angehörigen erkennen

💤 Überlastung erkennen

  • Sichtbare Erschöpfung, Gereiztheit, Tränen
  • Berichte über Schlafmangel oder Angst
  • Dauerhafte Pflege kann zu Erschöpfung, Depression und Angst führen
  • Überlastung beeinträchtigt die Fähigkeit, adäquate Pflege zu leisten
⚠️ Psychosoziale Notfälle: Der plötzliche Verlust der Kontrolle über die Pflegesituation kann selbst einen Notfall auslösen! Rasche Intervention durch psychosoziale Fachkräfte nötig.

🤝 Unterstützungsangebote kennen

  • Selbsthilfegruppen und ambulante Pflegedienste
  • Palliativdienste (SAPV) und psychologische Unterstützung
  • Kurzzeitpflege und Tagespflege zur Entlastung
  • Sozialarbeiter und Seelsorger am Einsatzort
🤝
Kommunikation mit Angehörigen
Empathie, Transparenz und Einbeziehung

💬 Grundsätze der Kommunikation

  • Angehörige aktiv in Therapieplanung und Entscheidungsprozesse einbeziehen
  • Transparente Kommunikation über Zustand und Möglichkeiten
  • Verständnis für Bedürfnisse und Wünsche zeigen
  • Über verfügbare Ressourcen und Unterstützung informieren
⚖️ Ethische Herausforderung

Überlastung der Angehörigen kann ethische und rechtliche Fragen aufwerfen: Die Autonomie und den Willen des Patienten respektieren und gleichzeitig die Grenzen der Belastbarkeit der Angehörigen berücksichtigen.

💬 Praxis: Angehörige entlasten
„Ich sehe, wie sehr Sie sich um Ihren Angehörigen kümmern. Das ist bewundernswert. Es gibt aber auch Unterstützungsangebote, die Ihnen helfen können. Darf ich Ihnen davon erzählen?“
„Sie haben eine wirklich gute Pflege geleistet. Es ist keine Schwäche, sich Hilfe zu holen.“
🏥
Weiterversorgung
Stationäre und ambulante Möglichkeiten

🏥 Palliativstation

  • Umfassende symptomorientierte Therapie
  • Interdisziplinäres Team: Ärzte, Pflegekräfte, Psychologen, Sozialarbeiter
  • Kontinuierliche Betreuung und Überwachung
  • Spezialisierte Symptomkontrolle im Vordergrund

🏠 Ambulante Versorgung

  • SAPV: Spezialisierte ambulante Palliativversorgung
  • Hospizdienste: Ehrenamtliche Begleitung zu Hause
  • Palliativteams: Multiprofessionelle Betreuung
  • Patient bleibt in vertrauter Umgebung

📋 Multimodale Therapieansätze

  • Schmerztherapie und physiotherapeutische Unterstützung
  • Psychosoziale Betreuung und spiritülle Begleitung
  • Entlastung der Angehörigen durch professionelle Betreuung
🤝
Patientenorientierte Entscheidung
Den Wunsch des Patienten in den Mittelpunkt stellen

🎯 Entscheidungskriterien

  • Wunsch des Patienten hat höchste Priorität
  • Offene Kommunikation über Versorgungsoptionen
  • Medizinische Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit abwägen
  • Bestehende Versorgungsstrukturen berücksichtigen
🕊️ Übergang zur End-of-Life-Pflege

Für Patienten im fortgeschrittenen Stadium bietet die Palliativstation eine ruhige und unterstützende Umgebung – sowohl für Patienten als auch für Angehörige in dieser schwierigen Phase.

💬 Praxis: Weiterversorgung besprechen
„Wir möchten sicherstellen, dass Sie die bestmögliche Versorgung erhalten. Gibt es eine Klinik oder ein Palliativteam, das Sie bereits kennt und mit dem wir Kontakt aufnehmen sollen?“
„Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Weiterbetreuung. Ich erkläre Ihnen gerne, welche Optionen wir haben.“
📝
Zusammenfassung
Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

🎯 Kernkompetenzen für den Einsatz

  • Erkennen: Palliativpatienten systematisch identifizieren, keine voreiligen Schlüsse
  • Klassifizieren: 4 Kategorien kennen und einordnen können
  • 6 Dimensionen: Medizinisch, psychisch, sozial, ethisch, rechtlich, spiritüll
  • Rechtssicherheit: Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Notfallplan kennen
  • Kommunikation: Empathisch mit Patient und Angehörigen sprechen
  • Weiterversorgung: Passende Strukturen (Palliativstation, SAPV, Hospiz) kennen
💜 Der wichtigste Leitsatz

Palliative Notfälle im fortgeschrittenen Stadium sind oft ein Ruf nach Unterstützung und Hilfe – nicht unbedingt nach maximaler medizinischer Versorgung. Behandle den ganzen Menschen.

💪 Bereit für das Quiz? Teste dein Wissen mit 15 Fragen und sammle bis zu 500 XP!
🎯
Wissensquiz
15 Fragen – Teste dein Wissen!