🫀 Thrombose vs. Embolie — und warum Reflexion kein Weichkram ist

Kurzlehreinheit | BF Hamburg | NotSan-Ausbildung

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Thrombose vs. Embolie

Warum der falsche Begriff in der Übergabe auffällt — und warum Reflexion mehr ist als "lief gut".

BF Hamburg | Unterrichtseinheit ca. 30 Min | 1.–3. Lehrjahr

Einführung

📋 Lernziele

Nach dieser Einheit kannst du:

Wissen

  • Den Unterschied zwischen Thrombose und Embolie erklären
  • Die Pathophysiologie des STEMI korrekt benennen
  • Den Begriff "koronare Thrombose" korrekt verwenden

Können

  • Den richtigen Begriff sicher in Übergaben verwenden
  • Eine eigene Einsatznachbereitung auf Reflexionstiefe prüfen
  • Die 3 Reflexionsfragen konkret beantworten

Handlungskompetenz

  • Präzise Übergabe ohne Fachsprachfehler
  • Professionelle Selbstreflexion nach Einsätzen
Grundlagen

📖 Die Grundbegriffe

Begriff Griechisch Was passiert Klassisches Beispiel
🔴 Thrombose thrombos = Klumpen Gerinnsel entsteht lokal — genau dort wo es stört Koronare Thrombose beim STEMI, tiefe Beinvenenthrombose
💨 Embolie emballein = hineinwerfen Gerinnsel entsteht woanders und wird mit dem Blutstrom verschleppt Lungenembolie (Gerinnsel aus Beinvene → Lunge), Hirnembolie bei VHF
💡 Merksatz
"Embolie = Reise. Das Gerinnsel ist gereist. Beim STEMI bleibt es zuhause."
⚠️ Das klingt nach Haarspalterei — ist es aber nicht.
In Übergaben und Prüfungen fällt der falsche Begriff sofort auf. Ein Notarzt der "Thromboembolie" hört, sucht eine Emboliequelle — das kostet Zeit.
Pathophysiologie

🫀 Was beim STEMI wirklich passiert

Schritt für Schritt — von der Plaque zum Infarkt:

  • 1
    Arteriosklerotische Plaque in der Koronararterie Jahrelange Fett- und Kalkablagerungen verengen das Gefäß. Die Plaque ist instabil — bedeckt von einer dünnen Endothelschicht.
  • 2
    Plaqueruptur Die Endothelschicht reißt. Der lipidreiche, hochgradig thrombogene Kern kommt mit dem Blut in Kontakt.
  • 3
    Lokale Thrombozytenaktivierung Thrombozyten aktivieren sich, lagern sich an der Rupturstelle an. Gerinnungskaskade läuft an.
  • 4
    Lokaler Thrombus wächst Das Gerinnsel entsteht exakt hier — es wurde nicht verschleppt, es ist vor Ort entstanden.
  • 5
    Koronarverschluss → STEMI Vollständiger Verschluss → transmuraler Myokardinfarkt → ST-Hebungen im EKG. Korrekt: koronare Thrombose.
✅ Der korrekte Begriff ist: koronare Thrombose auf dem Boden einer Plaqueruptur
Differenzialdiagnose

🔍 Was wäre eine koronare Embolie?

Eine koronare Embolie gibt es wirklich — sie ist aber selten und klinisch anders:

Typisches Szenario: Vorhofflimmern

  • Im linken Vorhof (bei VHF) entsteht ein Thrombus
  • Dieser löst sich und wird in die Koronararterien verschleppt
  • → Das wäre eine echte koronare Embolie

⚠️ Klinisches Profil der echten koronaren Embolie

  • Kein typischer Atherosklerose-Patient
  • Oft jünger, kein klassisches KHK-Risikoprofil
  • Bekanntes Vorhofflimmern oder andere Emboliequelle
  • Viel seltener als STEMI durch lokale Thrombose
Fazit
Bei einem typischen STEMI-Patienten (Risikofaktoren, Atherosklerose) sagst du immer: koronare Thrombose.
Praxis

🏥 Übergabe — richtig vs. falsch

Patient: 62-jährig, männlich, Brustschmerz seit 2h, ST-Hebungen inferior, ASS + Heparin gegeben.

❌ So nicht
"62-jähriger mit vermuteter koronarer Thromboembolie, ST-Hebungen, wir haben ASS und Heparin gegeben."
✅ So
"62-jähriger mit inferiorem STEMI, Verdacht auf koronare Thrombose bei bekannter KHK, ST-Hebungen II/III/aVF, ASS 500mg p.o., Heparin 5000 IE i.v., 12-Kanal mitgebracht."
Warum es zählt: Der Notarzt in der Klinik hört "Thromboembolie" und fragt sich: woher kommt das Gerinnsel? Aus einer Vene? Vorhofflimmern? Das sind berechtigt Fragen — aber in diesem Moment falsch am Platz und kosten Zeit.
Tipp: Nenn beim STEMI immer die Lokalisation (inferior, anterior, lateral) + den korretten Begriff + was du gegeben hast + EKG-Status.
Reflexion

🪞 Warum Prüfer nach Reflexion fragen

❌ Beschreibung (was die meisten schreiben)
"Wir haben den Patienten reanimiert. Algorithmus wurde eingehalten. Nach 15 Minuten ROSC. Transport in die Klinik."
✅ Reflexion (was Prüfer wollen)
"Ich habe die Kompressionen übernommen, war nach 2 Min unsicher ob ich tief genug drücke. Beim nächsten Mal würde ich früher nach Feedback fragen."

Die Reflexionspyramide

  • Ebene 1: Beschreibung — Was ist passiert?
  • Ebene 2: Analyse — Was war anders als erwartet?
  • Ebene 3: Selbstreflexion — Was war mein Anteil, wo war ich unsicher?
  • Ebene 4: Transfer — Was mache ich nächstes Mal anders?

Prüfer wollen Ebene 3 und 4. Die meisten Azubis bleiben auf Ebene 1.

Reflexion

❓ Die 3 Fragen die immer kommen

Frage 1: "Was war dein Anteil an diesem Einsatz?"
"Wir haben reanimiert und ROSC gehabt."
"Ich habe die Thoraxkompressionen übernommen. Nach 2 Min war ich kurz unsicher ob ich tief genug drücke — hab mich dann am Metronom orientiert."
Frage 2: "Wo warst du unsicher?"
"Eigentlich lief alles gut."
"Beim 12-Kanal hab ich erst mal gesucht wo ich V4R anlege — das muss ich nochmal üben."
Frage 3: "Was würdest du nächstes Mal anders machen?"
"Mehr lernen und besser vorbereiten."
"Beim nächsten Chest-Pain früher das 12-Kanal anfordern — ich hab zu lange auf den Erstkontakt-Monitor gewartet."
Quiz

✅ Frage 1

Ein 55-jähriger Patient mit bekannter KHK und Atherosklerose hat einen STEMI durch Plaqueruptur. Was ist der korrekte Begriff für den Gefäßverschluss?

Quiz

✅ Frage 2

Ein Azubi schreibt in seiner Einsatznachbereitung: "Wir haben alles nach Algorithmus gemacht, die Theorie zum ACLS-Team ist mir klar, der Einsatz lief gut." — Was fehlt entscheidend?

Zusammenfassung

🎯 Das nimmst du mit

Merksatz 1 — Fachsprache
Beim STEMI: koronare Thrombose — nicht Thromboembolie. Das Gerinnsel ist nicht gereist, es ist vor Ort entstanden.
Merksatz 2 — Reflexion
Reflexion heißt nicht "lief gut". Es heißt: Ich war dabei, ich war irgendwo unsicher, und ich lerne konkret daraus.

Für PAL: Reflexions-Tipp

Lass Azubis nach dem Einsatz 5 Minuten schriftlich die 3 Fragen beantworten — bevor ihr gemeinsam sprecht. Wer erst schreibt, geht tiefer.

Quellen: ÄLRD Hamburg Algorithmen V5.1 | ÄLRD Hamburg Medikamente V5.1 | DBRD-Algorithmen V10.1 | Uni Bremen STEBS — Leitfaden Lernsituationen gestalten