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VEL — LERNMODUL
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Medikamente im
Rettungsdienst

VEL — Vollelektrolytlösung
Phase 1 — Einführung
💧

VEL
(Vollelektrolytlösung)

Substanzklasse
Kristalloide Vollelektrolytlösung

Die Vollelektrolytlösung ist das Basismedikament im Rettungsdienst. Ob als Volumenersatz, Medikamententräger oder zum Offenhalten eines Zugangs — VEL kommt bei fast jedem Einsatz zum Einsatz.

In den nächsten Minuten lernst du alles über kristalloide Infusionslösungen — von der Zusammensetzung über die Volumentherapie bis zum Fallbeispiel und Quiz. Los geht's! 🚀

So sieht es aus

VEL
Darreichungsform: Infusionsbeutel
Konzentration: 500ml/1000ml
Handelsname: Sterofundin®/Jonosteril®
Phase 1 — Einführung

Handelsnamen & Zusammensetzung

  • Ringer-Lösung / Ringer-Laktat — Standardlösung im Rettungsdienst
  • Na⁺, K⁺, Ca²⁺, Cl⁻ (± Laktat als Puffer)
  • Sterofundin® ISO — balancierte VEL mit Acetat/Malat-Puffer
  • Jonosteril® — balancierte VEL
  • NaCl 0,9% — physiologische Kochsalzlösung
  • Streng genommen KEINE VEL (nur Na⁺ + Cl⁻), aber häufig verwendet
Merke
VEL ≠ NaCl 0,9%!
Vollelektrolytlösungen enthalten mehrere Elektrolyte in physiologischer Zusammensetzung. NaCl 0,9% enthält nur Natrium und Chlorid — und hat einen unphysiologisch hohen Cl⁻-Gehalt (154 mmol/l).
Phase 2 — Kernwissen

Isoton vs. Hypoton

Im Rettungsdienst verwenden wir isotone Lösungen. Aber warum? Tippe auf eine Karte:

Isoton

Osmolarität ≈ 280–310 mOsm/l

→ Gleicher osmotischer Druck wie Blutplasma
→ Kein Wassereinstrom in Zellen
Volumeneffekt: ~20-25% verbleiben intravasal

Hypoton

Osmolarität < 280 mOsm/l

→ Niedrigerer osmotischer Druck als Plasma
→ Wasser strömt in die Zellen → Zellschwellung!
→ Gefahr: Hirnödem! Daher NICHT im Rettungsdienst!

Balanciert

Elektrolytzusammensetzung ≈ Plasma

→ Enthält Puffer (Laktat, Acetat, Malat)
→ Geringere Gefahr einer hyperchlorämischen Azidose
Bevorzugt gegenüber NaCl 0,9%!

Phase 2 — Kernwissen

Indikationen

1. Volumenmangel / Volumenersatz

  • Hypovolämie — Blutung, Dehydratation, Verbrennung
  • Schocktherapie (hypovolämisch, septisch, anaphylaktisch)
  • Zielgröße: systolischer RR ≥ 90 mmHg
📋 Hamburger Protokoll
Volumenmangel: bis 1000 ml i.v.
Kinder: 10 ml/kg Boli, nach Wirkung wiederholen

Reanimation: VEL max. 1000 ml i.v. (NotSan & RA freigegeben)

Anaphylaxie: 1000 ml schnell, dann nach syst. RR titrieren

2. Medikamententräger

  • Trägerlösung für i.v.-Medikamente
  • Verdünnungsmedium (z.B. Adrenalin 1:10)
  • Spülen des Zugangs nach Medikamentengabe

3. Offenhalten des Zugangs

  • Langsame Infusion zum Offenhalten des i.v.-Zugangs
  • Sicherheitsmaßnahme für Notfallmedikation
Phase 2 — Kernwissen

Wirkmechanismus

Die Volumentherapie mit VEL basiert auf einem einfachen physikalischen Prinzip:

🔬 Prinzip
Isotone Kristalloide verteilen sich frei zwischen intravasalem und interstitiellem Raum.

Von 1000 ml VEL verbleiben nur ca. 200–250 ml intravasal (20–25%).
Der Rest diffundiert ins Interstitium (Gewebe).

Konsequenz für die Praxis

  • Für 250 ml intravasalen Volumeneffekt → 1000 ml VEL nötig!
  • Daher: Großzügige Mengen bei Hypovolämie erforderlich
  • Aber: Gefahr der Überwässerung bei übermäßiger Zufuhr
  • Bei schwerem Schock reicht VEL allein oft nicht aus
  • → Katecholamine zusätzlich, ggf. Blutprodukte in der Klinik
⚠️ CAVE
Volumeneffekt nur ca. 20-25%! — Das bedeutet: 4× mehr Volumen nötig als bei Kolloiden. Aber: Kristalloide sind sicherer (keine Allergien, keine Gerinnungsstörungen).
Phase 2 — Kernwissen

Dosierung — Übersicht

Situation Dosis Route
Volumenmangel
Erwachsene
bis 1000 ml
nach RR titrieren
i.v.
Reanimation
Erwachsene
max. 1000 ml i.v. / i.o.
Anaphylaxie
Erwachsene
1000 ml schnell
dann titrieren
i.v.
Kinder
alle Indikationen
10 ml/kg Boli
wiederholen nach Wirkung
i.v. / i.o.
Zugang offenhalten langsamer Tropf
ca. 50–100 ml/h
i.v.
📋 Kompetenzgrenzen
VEL bis 1000 ml: NotSan & RA freigegeben
Darüber hinaus: Rücksprache NA / Telenotarzt
Kinder: 10 ml/kg Boli — vorsichtig titrieren!
Phase 2 — Kernwissen

Kontraindikationen

✅ Akute Hypovolämie
Keine absolute Kontraindikation!
Bei akutem Volumenmangel überwiegt der Nutzen fast immer.
❌ Relative Kontraindikationen / Vorsicht
  • Dekompensierte Herzinsuffizienz
    → Lungenödem-Gefahr! Volumen verschlechtert die Situation
  • Niereninsuffizienz mit Oligurie/Anurie
    → Flüssigkeit kann nicht ausgeschieden werden
  • Schweres Hirnödem / erhöhter ICP
    → Isotone Lösungen bevorzugen, hypotone vermeiden!
  • Hyperhydratation / Überwässerung
  • Hyperkaliämie (bei kaliumhaltigen VEL wie Ringer)
⚠️ CAVE
Bei Herzinsuffizienz immer abwägen: Braucht der Patient wirklich Volumen, oder ist die Hypotonie kardiogen bedingt? → Dann Katecholamine statt Volumen!
Phase 3 — Fallbeispiel 🚨

Einsatz: Trauma mit Volumenmangel

📟 Leitstelle — Einsatzmeldung
Freitagabend, Kreuzung B5/Stadtgrenze.

„RTW 14A, Verkehrsunfall PKW gegen Baum. 35-jähriger Fahrer, eingeklemmt, starke Blutung am linken Oberschenkel. Feuerwehr ist unterwegs. Patient bei Bewusstsein, aber zunehmend verwirrt."

Bei Eintreffen findet ihr den Patienten im Fahrzeug. Die Feuerwehr beginnt mit der technischen Rettung. Der Patient ist blass, kaltschweißig und unruhig. Am linken Oberschenkel eine offensichtliche, stark blutende Fraktur. Ein Druckverband wurde von Ersthelfern bereits angelegt.

Phase 3 — Fallbeispiel 🚨

Ersteinschätzung

HF
132
RR
78/45
SpO₂
94%
AF
26
GCS
13
Haut
blass

Befund:

  • Offene Oberschenkelfraktur links, starke Blutung (Druckverband durchgeblutet)
  • Blass, kaltschweißig, marmorierte Extremitäten
  • Rekapillarisierungszeit > 3 Sekunden
  • Patient zunehmend verwirrt, aber ansprechbar
  • Thorax und Abdomen primär unauffällig

Frage: Welche Schockform liegt hier am wahrscheinlichsten vor?

Phase 3 — Fallbeispiel 🚨

Therapieentscheidung

Dein Patient zeigt einen hämorrhagischen Schock (Klasse III) mit Tachykardie, Hypotonie und Bewusstseinseintrübung.

Frage: Was ist neben der Blutstillung deine wichtigste Maßnahme?

Phase 3 — Fallbeispiel 🚨

Volumengabe

Richtig — schnelle Volumensubstitution ist essenziell beim hämorrhagischen Schock!

Frage: Du hast 1000 ml VEL verabreicht. Der RR ist jetzt 84/52. Was tust du?

Phase 3 — Fallbeispiel 🚨

Verlauf

Du hast den Telenotarzt kontaktiert. Weitere 500 ml VEL werden freigegeben. Die Feuerwehr hat den Patienten befreit. Blutungskontrolle optimiert.

Nach 10 Minuten und insgesamt 1500 ml VEL:

HF
112
RR
88/56
SpO₂
97%

Frage: Der Patient stabilisiert sich langsam. Was ist das Transportziel?

Phase 4 — Deep Dive

CAVE & Nebenwirkungen

⚠️ CAVE
  • Überwässerung / Hyperhydratation!
    Zeichen: Lungenödem, periphere Ödeme, Rasselgeräusche bei Auskultation
  • Hyperchlorämische Azidose bei NaCl 0,9%!
    → Chlorid 154 mmol/l (Plasma: ~100 mmol/l) → metabolische Azidose bei großen Mengen
  • Hypothermie bei kalter Infusion!
    → Möglichst angewärmte Infusionen verwenden (37°C) — besonders bei Trauma!
  • Hämodilution!
    → Verdünnung von Gerinnungsfaktoren und Hämoglobin → Gerinnungsstörung!

Risiken bei Überwässerung

🫁 Pulmonal
Lungenödem, Gasaustauschstörung, Oxygenierungsverschlechterung
❤️ Kardial
Volumenbelastung des Herzens, Dekompensation bei vorbestehender Insuffizienz
🩸 Gerinnung
Verdünnungskoagulopathie, verstärkte Blutungsneigung
🧠 Zerebral
Hirnödem-Risiko (v.a. bei hypotonen Lösungen)
Phase 4 — Deep Dive

Ringer vs. NaCl 0,9%

Eigenschaft Ringer-Lösung / VEL NaCl 0,9%
Elektrolyte Na⁺, K⁺, Ca²⁺, Cl⁻ + Puffer Nur Na⁺ + Cl⁻
Chlorid ~112 mmol/l 154 mmol/l (↑↑)
Azidose-Risiko Gering (gepuffert) Hoch bei großen Mengen
Nierenfunktion Geringere Beeinträchtigung Kann AKI fördern
Kaliumgehalt ~4-5 mmol/l 0 mmol/l
🏆 Fazit
Balancierte VEL (Ringer, Sterofundin) ist 1. Wahl!
NaCl 0,9% nur noch als Verdünnungsmittel oder wenn VEL nicht verfügbar.

Ausnahme: NaCl 0,9% bevorzugt bei Hyperkaliämie und als Medikamententräger (Kompatibilität beachten, z.B. Blutprodukte).
⚠️ CAVE
Ringer-Laktat NICHT mit Blutprodukten mischen!
Das enthaltene Calcium kann zur Gerinnung in der Transfusionsleitung führen.
Phase 4 — Deep Dive

Volumentherapie-Prinzipien

Permissive Hypotonie

  • Bei unkontrollierbarer Blutung (penetrierendes Trauma, Polytrauma)
  • Ziel-RR syst.: 80–90 mmHg
  • Normaler RR würde Blutung verstärken (Gerinnsel abspülen)
  • Ausnahme: SHT → RR syst. ≥ 90 mmHg aufrechterhalten!

Damage Control Resuscitation

  • Blutstillung hat absolute Priorität!
  • Volumen titrieren, nicht blindlings infundieren
  • Hypothermie vermeiden → angewärmte Infusionen
  • Azidose und Koagulopathie vermeiden
  • → „Letale Triade": Hypothermie + Azidose + Koagulopathie = lebensbedrohlich!
📋 Protokoll — Polytrauma
Volumentherapie: VEL bis 1000 ml i.v.
Ziel: RR syst. ≥ 90 mmHg (bei SHT), sonst 80–90 mmHg
Wärmeerhalt: Patienten aktiv wärmen, angewärmte Infusionen
Transport: Überregionales Traumazentrum mit Schockraum
Phase 5 — Quiz 🧠

Wissenscheck!

Mal sehen, was hängengeblieben ist. 10 Fragen — manche leicht, manche knifflig. Viel Erfolg! 💪

Frage 1 / 10

Was bedeutet „VEL" im Rettungsdienst?

Phase 5 — Quiz 🧠

Frage 2 / 10

Wie viel Prozent einer isotonen kristalloiden Lösung verbleiben intravasal?

Phase 5 — Quiz 🧠

Frage 3 / 10

Warum ist NaCl 0,9% streng genommen KEINE Vollelektrolytlösung?

Phase 5 — Quiz 🧠

Frage 4 / 10

Welche maximale VEL-Menge ist laut Hamburger Protokoll für den NotSan bei Volumenmangel freigegeben?

Phase 5 — Quiz 🧠

Frage 5 / 10

Was ist die „Letale Triade" beim Polytrauma?

Phase 5 — Quiz 🧠

Frage 6 / 10

Was ist „permissive Hypotonie"?

Phase 5 — Quiz 🧠

Frage 7 / 10

Welches Problem droht bei großen Mengen NaCl 0,9%?

Phase 5 — Quiz 🧠

Frage 8 / 10

Wie lautet die VEL-Dosis für Kinder beim Volumenmangel?

Phase 5 — Quiz 🧠

Frage 9 / 10

Warum sollte Ringer-Laktat NICHT mit Blutprodukten über dieselbe Leitung laufen?

Phase 5 — Quiz 🧠

Frage 10 / 10

Bei welcher Patientengruppe ist Vorsicht bei der Volumentherapie besonders geboten?

🏆 Ergebnis

Geschafft!

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